Umweltbüro Lichtenberg

Ein Wasserprofi im Gespräch

1) Stellen Sie bitte sich und die Berliner Wasserbetriebe vor.
Ich heiße Stephan Natz und bin Pressesprecher bei den Berliner Wasserbetrieben. Wir sind das größte integrierte Wasserunternehmen in Deutschland und waren das erste große Unternehmen, das die Trinkwasserversorgung und Abwasserbehandlung unter einem Dach vereint hat. Auch heute ist das längst nicht üblich. Die deutsche Versorgungsstruktur setzt sich aus über 5.000 Wasserversorgern und mehr als 6.000 Abwasserentsorgern zusammen. In der Stadt zählen wir 157 Abwasserpumpwerke, weit über 100 Regenbecken und viele andere Abwasseranlagen. Dieses komplexe Gebilde wird aus einer Zentrale gesteuert und überwacht. Sechs Mitarbeiter pro Schicht sind hier rund um die Uhr im Einsatz. Weil die meisten Tätigkeiten heute automatisiert sind, arbeiten weniger als die Hälfte der 4.500 Mitarbeiter im direkten Betrieb, also in den sechs Klärwerken, neun Wasserwerken, einem Labor, sieben Kanal- und fünf Rohrnetzbetriebsstellen. Viele andere planen und überwachen Anlagen und Netze.

2) Wieviel Kubikmeter Wasser werden täglich in Berlin gereinigt?
Wir verkaufen im Jahr ca. 190 Mio. Kubikmeter Trinkwasser. Pro Tag entspricht das durchschnittlich ca. 530.000 Kubikmeter, was etwa einer Zweidrittel-Wasserfüllung des Olympiastadions entspricht. Durch anfallendes Regenwasser der Innenstadtbezirke und Abwässer aus dem Umland bekommen wir mehr Abwasser zurück. Rund 235 Mio. Kubikmeter werden jährlich (2014: 621.555 Kubikmeter pro Tag) in den sechs Berliner Klärwerken gereinigt, wovon fünf außerhalb Berlins liegen. Die Klärwerke Ruhleben und Waßmannsdorf sind die beiden größten Anlagen mit einem Fassungsvermögen von jeweils knapp 30 Prozent der Berliner Menge. Nächst kleinere Anlagen befinden sich in Stahnsdorf, Wansdorf, Schönerlinde und in Münchehofe.

3) Wie funktioniert unser unterirdisches Kanalnetz?
Der Bau unserer Kanalisation begann um 1875 und endete Anfang des vorigen Jahrhunderts. Der Urvater der Berliner Kanalisation ist James Hobrecht (1825-1902), der sich zusammen mit dem Arzt Rudolf Virchow (1821-1902) dieses System ausdachte. Einst wurde das nährstoffreiche Abwasser auf die umliegenden Rieselfelder gepumpt. Als Berlin explosionsartig zu einer Industriestadt heranwuchs und Wasser zum Produktionsmittel wurde, war es für die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte nicht mehr geeignet. Auf den damaligen Rieselfeldern entstanden dann Klärwerke. Am Grundsystem der Entwässerung hat sich bis heute prinzipiell nichts geändert. Pumpwerke wurden modernisiert und die Abwasserreinigung immer weiter perfektioniert. Während Trinkwasserrohre waagerecht in 1,5 m Tiefe verlegt sind und das Wasser mit Druck in Wasserhähne oder Hydranten gepumpt wird, funktioniert das Kanalnetz ohne Pumpen mit eigener Schwerkraft. Bis zu 10 Meter tiefe Freigefällekanäle sorgen für ausreichend viel Strömung. Im heutigen Berlin gibt es 157 Entwässerungsgebiete, an denen das bis dorthin allein gelaufene Abwasser an einem tiefen Punkt zusammenfließt. Mit Hilfe eines Abwasserpumpwerks wird das Wasser entweder in ein nächstgrößeres Pumpwerk oder gleich in ein Klärwerk gepumpt. Die Pumpwerke sind zudem untereinander durch Abwasserdruckleitungen vernetzt und ermöglichen Ausgleichsmaßnahmen. Damit bestimmte Füllhöhen nicht überschritten werden, ermöglicht uns ein unterirdischer Stauraum Abwasser zu parken und nach Regenende wieder in die Kanalisation zurückzupumpen.

4) Was ist der Unterschied zwischen einem Misch- und einem Trennsystem?
In den Innenbezirken haben wir eine Mischwasserkanalisation, d. h., dass das Schmutzwasser aus Gebäuden und das Regenwasser von Straßen und Dächern in einem Kanal zusammen zum Klärwerk laufen. Bis etwa 1910 wurden diese Systeme überall gebaut, später wurden bei allen Neubauten nur noch Trennsysteme angelegt. In den Außenbezirken gibt es demnach eine Trennkanalisation, d. h., die Schmutz- und Regenwasserkanäle sind voneinander getrennt. Das Regenwasser kann in der Region versickern oder ins Gewässer geleitet werden.

5) Wieviel Liter Wasser nutzt ein durchschnittlicher Haushalt pro Tag?
Im Gesamtberliner Durchschnitt werden 110 Liter Wasser pro Kopf pro Tag genutzt. Dieser Wert bezieht sich nur auf den Gebrauch in privaten Haushalten vom Kochen über Waschen bis zum Gießen. Nicht inbegriffen sind der Verbrauch außerhalb oder das virtuelle Wasser zur Herstellung eines jeden Produkts. Unser Konsumverhalten frisst unglaublich viel „verstecktes“ Wasser.

6) Welche Reinigungsstufen durchläuft Schmutzwasser im Klärwerk?
Der Reinigungsprozess dauert im Idealfall 24 Stunden. Das Abwasser wird von den Pumpwerken über Druckleitungen ins Klärwerk befördert und durchläuft dort einen dreistufigen Reinigungsprozess. Zuerst kommt die mechanische Stufe, bei der in der Rechenanlage grobe sichtbare Verunreinigungen herausgeharkt werden. Die Abfälle werden gesammelt und umweltgerecht verwertet. Im Sandfang sinken schwerere mineralische Stoffe wie Sand, Kies und Steinchen ab. Im Vorklärbecken wird das Wasser dann beruhigt und leichtere ungelöste Stoffe setzen sich am Beckenboden ab. Das mechanisch vorgereinigte Wasser wird in die Belebungsbecken – die zweite oder auch biologische Reinigungsstufe geleitet. Die hier vorkommenden Milliarden von Mikroorganismen und Bakterien sind darauf spezialisiert, bestimmte Verbindungen durch ihren Stoffwechsel abzubauen. Sie bauen vor allem gelöste organische Stoffe sowie Phosphor- und Stickstoffverbindungen ab, welche durch gute Bedingungen wie eine gleichbleibende Temperatur, sauerstoffarme und sauerstoffreiche Becken angeregt werden. Ohne den sogenannten belebten Schlamm würde ein Klärwerk nicht funktionieren. Er wird abschließend im Nachklärbecken vom klaren Wasser getrennt. Ein Teil wird in die Belebungsbecken zurückgepumpt, um die Anzahl der Mikroorganismen stabil zu halten. Der große Rest wird entwässert und zur Energiegewinnung genutzt. (Kurzfilm unter: http://www.bwb.de/content/language1/html/981.php) Wir arbeiten gerade daran, die Energie, aber auch die wertvollen Stoffe aus dem Abwasser verfügbar zu machen, mit Phosphor fangen wir an. Er ist ein endlicher Rohstoff.

7) Was passiert mit dem gereinigten Wasser?
Das gereinigte Klarwasser wird in das nächste Fließgewässer geleitet und in den natürlichen Wasserkreislauf zurückgeführt. Das Klärwerk Münchehofe leitet das saubere Wasser in die Erpe und anschließend in die Spree. Die anderen Klärwerke entweder in den Teltow-Kanal oder gleich in die Havel.

8) Welche Auflagen gelten bei gewerblichem und privatem Abwasser?
Hierzu gibt es eine ganze Reihe an Grenzwerten (siehe: Allgemeinen Bedingungen für die Entwässerung unter: http://www.bwb.de/content/language1/downloads/ allgemeine-bedingungen-entwaesserung-ebook.pdf). Als abstrakte Formulierung gilt, dass Gewerbebetriebe nur Abwasser, das in seiner Zusammensetzung etwa dem häuslichen Abwasser entspricht, einleiten dürfen. Alles, was darüber hinausgeht, ist nicht erlaubt. Ein Klärwerk kann viel, aber eben nicht alles. Deshalb müssen manche exotischen Stoffe von Spezialentsorgern beseitigt werden. Bei der Überschreitung eines zugelassenen Wertes sind Gewerbe gezwungen, ihr Dreckwasser selbst vorzubehandeln. Nicht alle berücksichtigen das, jedoch ist die Kontrolle angesichts von etwa 80 Mio. chemischer Verbindungen nicht ganz einfach. Unsere Abteilung „Indirekteinleiterüberwachung“ ist für die Überwachung und Beratung zuständig. Zudem kontrollieren bezirkliche Umweltämter gewerbliche Einrichtungen.

9) Jeder ist mitverantwortlich dafür, dass keine umweltschädlichen Stoffe in den natürlichen Wasserkreislauf gelangen. Worauf sollte man achten?
Wir sagen immer: „Mach keine Müllkippe aus dem Klo“. Abwasser ist Abwasser und Abfall ist Abfall. In die Toilette gehört nur das, was wir ausscheiden und Wasser zum Verdünnen. Nichts sonst! Keine Lebensmittel, keine Arzneimittel! Wasser ist immer eine lokale Ressource und wir in Deutschland haben genug davon. An der Wassermenge müssen wir nicht sparen, doch sollten wir mit der Qualität aufpassen. Denn ist das Wasser erst einmal verschmutzt, bekommt man es - wenn überhaupt - so schnell nicht wieder sauber.

Vielen Dank für das Interview!

Johanna Sabeh, Umweltbüro Lichtenberg

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